Die Hessen kommen
Auf den Spuren der Familie Kratz aus dem Fürstentum Waldeck
So macht Familienforschung Freude
Es ist kein Zweig der Familie, der von sich aus meine Aufmerksamkeit erregt hätte. Aber die Lebenserinnerungen ihres Lieblings(groß)onkels „Joe“ Glückstein, die mir meine „Cousine“ (nennen wir sie der Einfachheit halber so, trotz komplexer und verworrener Verwandtschaftsbeziehung) Reingard zukommen lassen hat, sind der Anstoß, dass ich mir einige – endlich wieder einmal frost- und schneereiche – Tage im Jänner 2026 Zeit nehme, den Familien Glückstein und Kratz auf die Spur zu kommen.
Es geht nicht, ohne zuvor zwei Gulden zu investieren – allerdings ist die Umrechnung kompliziert und abhängig von der Epoche, und das Währungswesen in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert alles andere als einheitlich. Für die Kaufleute aus dem weitläufigen Familienzweig Kratz wäre es wohl ein Leichtes, den heutigen Gegenwert mit ca. € 20,- zu berechnen. So viel muss man jedenfalls auf archion.de investieren, um einen Monat lang hemmungslos forschen zu können. Und vielleicht wäre sogar der Pfennigmeister Moritz Kratz für das Inkasso zuständig, wenn er heute noch lebte. Dazu müsste er allerdings inzwischen 226 Jahre alt sein (*1800). Und er ist auch nicht von Berufs wegen Pfennigmeister, sondern lebt vielmehr von der Schönfärberei – aber auch das nicht im heutigen Sinn dieses Wortes. Pfennigmeister ist nur eine zeitlich begrenzte Funktion, und es ist mir nicht klar, ob es ein städtisches Amt oder eher ein Amt innerhalb der Kirchengemeinde ist. Das Amt des „Gemeindevorstehers“, das sein Bruder, der Bäckermeister Wilhelm Ludwig Kratz (*1805) (auch nur zeitweilig) ausübt, verstehe ich jedenfalls in diesem Sinn.
Aber die Investition lohnt sich! Erstmals führt mich meine Familienforschung – abgesehen von einigen ungarisch-slowakischen Waltersdorfern (Mischwald 1, Kapitel 41) – in die Tiefen evangelischer Kirchenbücher, und die Paarung von deutscher Gründlichkeit und protestantischer Gewissenhaftigkeit hat es in sich! Penibelst sind die Lebensdaten der einzelnen Protagonisten protokolliert, mit Nummerierung der Kinder, Querverweisen auf die Geburt des vorigen Kindes und die Trauung der Eltern. Sehr oft wird im Taufbuch auch das Sterbedatum nachgetragen. Das Sterbealter wird im Sterbebuch nicht – mit einer Schwankungsbreite von bis zu 10 Jahren, wie ich in den katholischen Büchern des steirischen Vulkanlandes feststellen konnte – über den Daumen gepeilt geschätzt, sondern auf Jahr und Monat und Tag exakt ausgerechnet.
Aber nicht nur das: Zusätzlich zu den Grunddaten Geburt/Taufe, Eheschließung und Tod sind in den Kirchenbüchern auch alle Konfirmationen aufgelistet. Des Weiteren gibt es seitenweise Listen mit den „Abendmahlsgästen“ – auf katholische Verhältnisse heruntergebrochen: Es wird penibel darüber Buch geführt, wer wie oft zur Kommunion geht! Auch Büßerverzeichnisse, Inhalte über seelsorgliche Gespräche und Weisungen und andere Dinge, die dem jeweiligen Pastor notierenswert erscheinen, sind in den Kirchenbüchern erfasst. Ein Pastor ist besonders auskunftsfreudig und fügt im Sterbebuch eine komplette Kurzfassung der Lebensgeschichte des/der Verstorbenen ein – so wie es heute vielfach bei Begräbnissen üblich ist. Da kann man dann z.B. aus dem Totenbuch erfahren, dass die Verstorbene in den letzten Jahren ihres Lebens von Schwermut geplagt war, was sich auch auf ihr körperliches Wohlbefinden ausgewirkt hat, sodass sie immer schwächer wurde und schließlich im letzten halben Jahr bettlägrig war.
Und das Ganze ist über weite Strecken (mit Ausnahmen) auch sehr sorgfältig geschrieben und somit meist deutlich zu lesen. Mir graut, wie ich mich im Vergleich dazu durch die seitenweisen Schmierereien aus meiner Heimat quälen musste.
Da sich meine Forschungen fast ausschließlich auf die Kirchengemeinde Nieder-Wildungen (heute: Bad Wildungen) beziehen, kann ich nicht sagen, ob das gängige Praxis oder das regional begrenzte Werk einiger besonders eifriger Pastoren ist. Im Anhang zu einem der Kirchenbücher gibt es einen wissenschaftlichen Beitrag aus dem Jahr 1908 über die „Wildunger Pfarrverhältnisse aus früherer Zeit“.
Daraus geht hervor, dass von den üblicherweise zwei Pfarrern, die es vor Ort gibt, nicht alle begnadete oder beliebte Prediger sind:
„Als Prediger ragte der alte Herr Inspektor nicht hervor, zumal er seine Predigten gestikulierend ablas, in breiter Mundart sprach und an den Pfingsttagen durch Einflechten der damaligen Theorie von der Monas, der Einheit der Drei-Einigkeit, die Begriffe der Andächtigen verwirrte, nicht sie erbaute.“
Um das Jahr 1810 wird „als Seelsorger eingesetzt ein Herr F., welcher zuvor Feldprediger in einer Armee Napoleons gewesen war, gänzlich unbeliebt, alkoholischen Getränken ergeben, deren Wirkung er an warmen Sommerabenden bei offenem Fenster oft Ausdruck gegeben hatte in den laut gerufenen Worten, die auf lateinisch heißen: „Veni diabole et arripe me.“ [Komm, Teufel, und hol mich!] Er ist nicht lange hier geduldet. Im Amt und im Hause folgte ihm der Pfarrer Strube. Diesen jungen Herrn machten sein würdiges, feines Benehmen, sein braver Charakter, seine vorzüglichen, zu Herzen gehenden Predigten bald allgemein beliebt. Leider starb er früh.“
Im Jahr 1850 „wurde gemäß der im Frankfurter Parlament beschlossenen Grundrechte für das deutsche Volk die erste direkte Wahl eines Pfarrers im Lande und zwar in Wildungen ausgeführt und auf dem großen Saale des alten hiesigen Rathauses von den meisten Männern aus Nieder- und Alt-Wildungen und Reitzenhagen Herr Pfarrer Ulrich Scipio fast einstimmig zum 2. Pfarrer für die beiden Städte Wildungen gewählt.“
So macht Ahnenforschung richtig Freude! Innerhalb weniger Tage kann ich auf diese Weise ca. 130 Geborene aus der Familie Kratz ausheben – und dazu eine ganze Reihe von Angetrauten, deren Lebensläufe sich ebenso lückenlos erforschen ließen (das Jahres-Abo kommt im Vergleich zum Einsteigertarif mit knapp 18 Gulden – umgerechnet € 180,- – etwas günstiger).
Ein Protestant im Kernland es steirischen Katholizismus
„Herr Hermann Philipp Kratz, Lohgärber, ehel. Sohn des + Karl Kratz, Kaufmanns in Wildungen, Fürstenthum Waldeck, und der noch lebenden Elisa Kramer, dessen Ehegattin, protestantisch, im 30. Jahr, geboren am 19. November 1844, ledig“
So lautet der Eintrag aus dem Jahr 1874 im Trauungsbuch der tief katholischen oststeirischen Pfarre Gnas, wo der Protestant Philipp Kratz aus dem Fürstenthum Waldeck Juliana (geb. Payerl), die Witwe des Lederers, Berglers und Realitätenbesitzers Franz Hammer heiratet. So jedenfalls liest sich die Biographie von Franz Hammer in den Kirchenbüchern: Lederer – Bergler – Realitätenbesitzer.
Geboren wird er 1797 in eine offensichtlich bereits traditionsreiche Ledererfamilie, wie schon der Vulgoname seines Elternhauses besagt: „Mörthleder“. Sein Vater ist Lederermeister, wie auch sein Onkel und Taufpate Franz, ebenso sein Urgroßvater Johann (* 1732) und sein Ur-Urgroßvater Martin, der den Vulgonamen „Mörthleder“ wohl begründet hat. Von wo Martin kommt, ist in seinem Heiratseintrag leider nicht zu entziffern, aber er ist bereits Lederer, als er im Jahr 1730 die Gnaser Ledererwitwe Elisabeth Gölles (geb. Sorger) heiratet und damit den Betrieb ihres verstorbenen Mannes übernimmt.
Wahrscheinlich sind knapp hundert Jahre später im Jahr 1822 auch die Lederbetriebe der Familie Hammer vom großen Brand von Gnas betroffen.
„Der Brand ging von einer Nagelschmiede aus und breitete sich aufgrund der Strohdächer schnell aus. Obwohl bereits 1817 einen Feuerspritze angeschafft wurde, dauerte der Brand 8 Tage. Es brannten 55 Wohnhäuser samt Wirtschaftsgebäuden im Markt Gnas nieder, die Kirche blieb verschont. Es kam rasche Hilfe aus der Umgebung. Der 14. Juni ist der Gedenktag zu diesem Ereignis.“
(aus der Geschichte von Gnas auf der Website der Marktgemeinde: https://www.gnas.gv.at/gnas.php?id=die-geschichte-von-gnas)
Während Johann (*1801), der jüngere Bruder von Franz Hammer den väterlichen Betrieb des Vaters übernimmt, finden wir Franz zwei Häuser weiter im Betrieb seines Patenonkels wieder. Wann und wo Franz zum ersten Mal heiratet, erschließt sich aus den Kirchenbüchern nicht, aber ab 1838 bekommt er mit seiner Frau Juliane Radl neun Kinder, vorwiegend Mädchen, zwei der drei Buben sterben bald nach der Geburt. Auch sein Bruder Johann stirbt früh im Alter von 38 Jahren, und so fällt ihm möglicherweise auch der elterliche Besitz zu.
Irgendwann zwischen 1846 und 1848 scheint er das Arbeitsleben in der „Metropole“ Gnas satt zu haben und zieht sich auf seine alten Tage auf einen kleinen Bauernhof außerhalb des Ortes in Burgfried zurück. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen: Bei der Geburt seiner Tochter Anna (1846) wird er als bürgerlicher Lederermeister bezeichnet, bei der Geburt seines Sohnes Anton (1848) als Bergler und beim Begräbnis von Anton neun Wochen später als gewesener bürgerlicher Lederermeister. Auch der Name der Kindsmutter Juliana Radl ist in den Folgejahren auf dem Bauernhof der gleiche wie zuvor im Ledererbetrieb.
Er stirbt im Jahr 1872 jedenfalls nicht verarmt, sondern als „Realitätenbesitzer“ und dürfte seiner zweiten Frau Juliane Payerl, mit der er laut Sterbebuch 14 Jahre verheiratet war, gleich mehrere Häuser hinterlassen.
Hier tritt nun Philipp Hermann Kratz auf den Plan. Was diesen nach Gnas verschlagen hat, ist nicht ganz klar, vielleicht sind es die beruflichen Lehr- und Wanderjahre („Walz“). Als Gerber hat er natürlich mit den lederverarbeitenden Betrieben der Familie Hammer regelmäßig zu tun, und vielleicht hat die Witwe Juliane ja auch eine Gerberei im Besitzportfolio. So weiß es jedenfalls Onkel Joe. Dass es in Gnas auch Gerber gibt, liegt bei den vielen Lederern (das sind lederverarbeitende, nicht lederherstellende Menschen) auf der Hand, und ich entdecke es auch zufällig bei einem Trauungseintrag durch die leider unleserliche Unterschrift eines bürgerlichen Weißgerbers aus Gnas.
Im Unterschied zur Weißgerberei, die durch Verwendung von Mineralien und Salzen helle, weiche Leder erzeugt, werden bei der Lohgerberei (auch Rotgerberei), die Philipp erlernt hat, Rinderhäute durch pflanzliche Gerbstoffe (Tannin) aus Eichen- oder Fichtenrinde und Galläpfeln zu besonders strapazierfähigen Ledern für Schuhsohlen, Stiefel, Sättel etc. verarbeitet. Jedenfalls ist die auch gesundheitlich stark belastende handwerkliche Gerberei im 19. Jahrhundert ein aussterbendes Gewerbe und wird zunehmend durch die industrialisierte Gerberei abgelöst.
So lässt man, wenn man es sich leisten kann, die Gerberei gerne bleiben. Nur wenige Monate nach der Heirat stirbt Juliane, Philipp verkauft den ansehnlichen Besitz und übersiedelt in den aufstrebenden Nobelkurort Gleichenberg, wo er noch im gleichen Jahr die reiche Bäckerstochter Anna Mayr heiratet. Arbeiten muss er nun jedenfalls nicht mehr und hat eine Villa. „Man erzählte, er sei ein Spieler mit Glück gewesen“, weiß Onkel Joe.
Cuis regio, eius religio
„Der Reformator Martin Luther durchquerte auf seinem Rückweg vom Reichstag zu Worms das heutige Hessen. Wo er auftauchte, erregte er beträchtliches Aufsehen… Doch auch jenseits des Wirkens von Luther spielte das heutige Mittel- und Nordhessen eine nicht unerhebliche Rolle in der Reformationsgeschichte. Denn der damalige Landgraf Philipp I. setzte die Reformation politisch so schnell und konsequent um wie kein anderer. Die erste evangelische Synode der Welt, die Erfindung der Konfirmation und die Gründung der ersten protestantischen Universität zählen zu seinen Errungenschaften.“
(Hessen – ein Pionierland der Reformation: https://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/hessen-ein-pionierland-der-reformation/index.html)
Dass Hessen also ein Pionierland der evangelischen Reformation und bereits um 1570 zu 85% evangelisch war (heute sind es noch rund 33%), stört im katholischen Österreich im 19. Jahrhundert niemand mehr, und Philipp kommt ja auch nicht zum Missionieren in die Steiermark. So ist es kein Problem, dass er im Lauf seines Lebens insgesamt dreimal katholisch heiratet – wenn er nur zustimmt, dass die Kinder alle katholisch getauft werden. So lässt sich seine Lebensgeschichte auch in den katholischen Kirchenbüchern der österreichischen Monarchie gut weiterverfolgen. Zunächst aber wollen wir uns das familiäre Umfeld, aus dem Philipp stammt, näher anschauen. Und das ist durch die eingangs geschilderte Quellenlage überaus ersprießlich.
Nach dem Tod von Philipp I. kam es zu einer Erbteilung der Landgrafschaft Hessen, wobei seinem ältesten Sohn mit der Landgrafschaft Hessen-Kassel etwa die Hälfte zufiel. Nachdem die Landesherrn dieses Bereichs im Jahr 1803 zu Kurfürsten erhoben wurden, bürgerte sich die Bezeichnung „Kurfürstentum Hessen“ oder kurz „Kurhessen“ ein.
Die Herren der Grafschaft Waldeck um die Burg Waldeck über der Eder im Nordwesten Hessens waren besonders stolz auf ihr historisches Erbe – die Burg ist bereits im Jahr 1120 bezeugt – und nach Unabhängigkeit bestrebt. So schafften sie es auch 1712, zum Fürstentum Waldeck erhoben zu werden. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges erklärte sich das Fürstentum Waldeck als Freistaat.
Und in diesem stolzen und selbstbewussten Landstrich liegt Nieder-Wildungen, das heutige Bad Wildungen, dem mittlerweile auch die benachbarten Orte Altwildungen , Reitzenhagen und Reinhardshausen eingemeindet wurden. Und auch diese Stadt hat eine stolze Geschichte, die sich bis ins 8. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.
Zu den Schattenseiten dieser Geschichte zählen – und ich fühle mich augenblicklich in mein südoststeirisches Vulkanland versetzt – die fast zeitgleichen Hexenprozesse von 1532 bis 1664.
Die Familie Kratz in Nieder-Wildungen
Fest eingebunden in das Leben dieser Stadt ist die Familie Kratz, die sich im Lauf der Jahrhunderte in viele Gewerbe verzweigt, die für das Leben in einer Stadt notwendiger sind als auf dem Land: da gibt es den Bäcker, den Bierbrauer, den Gastwirt, den Schuhmacher, den Kupferschmied, den Schönfärber, den Wolltuchmacher, den Sattler – und nicht zuletzt den Gerber. Und wer hält das alles am Laufen und sorgt dafür, dass die produzierten Waren auch an den Mann und die Frau kommen? Richtig! Die Kaufleute.
Von der ersten Generation erfahren wir außer den Namen noch wenig Konkretes, nur dass der Junggeselle Johannes Kratz, der im Jahr 1761 die Jungfer Anna Christina Kötting heiratet, aus dem kleinen Dorf Königshagen stammt. Von dort lassen sich leider keine Matriken auftreiben und die Spur daher nicht weiter zurückverfolgen.
Aber schon die Kinder von Johannes, vor allem die beiden Söhne Barthold (*1766) und Leonhard (* 1774), zeigen, was sie draufhaben. Auch wenn man sich fragen mag, ob „Hansebruder“ zu sein, schon einer Berufsqualifikation entspricht, so ist doch allein durch diese Bezeichnung schon klar, dass sie sich – in einer Bruderschaft organisiert – dem Handel und den Geschäften widmen. Und Barthold wird dann auch bald „Krämer“ genannt, aber bei seinem Tod (1827) bleibt er in Erinnerung als „Hansenbruder und Stadtfreund“ – und darunter darf man sich wohl so etwas wie einen „Ehrenbürger“ vorstellen.
Wie aber schaffen es die Neuankömmlinge des 18. Jahrhunderts, sich so schnell und weitverzweigt in alle Gesellschaftsbereiche zu vernetzen? Richtig: durch Heirat! Aber nicht auf die plumpe steirische Weise: junger Bauernsohn heiratet alte Witwe, wartet bis sie stirbt und holt sich dann eine junge Braut auf seinen von der Witwe geerbten Hof. Hier im Fürstentum Waldeck geht man strategisch und direkt zur Sache: man lacht sich gleich eine Tochter der passenden Familie an: eine Bäckerstochter, eine Kupferschmiedstochter, eine Hammerschmiedstochter, eine Sattlerstochter, eine Gerberstochter. Und die Schwiegerpapas sind dann die Gewerbemeister, die dem hoffnungsvollen Nachwuchs Ausbildungsmöglichkeiten bieten, und – schwupps! – sind sie selbst Meister.
Dass dabei nicht alle auf die Butterseite fallen können, liegt auch auf der Hand. Dann reicht es eben nur für eine Bauerntochter oder gar nur eine Köthnerstochter (das Pendant zum steirischen Keuschler), und mancher der Sprösslinge endet als Tagelöhner. Aber die Tüchtigkeit liegt in der Familie, und so kann sich der eine oder andere Sohn eines Tagelöhners wieder ein Stück in der Hackordnung emporarbeiten zum Sattler oder Schreinermeister.
Mehr als 130 mit dem Namen Kratz Geborene kann ich auf diese Weise innerhalb weniger Tage zu einem bunt schillernden Geflecht zusammenfügen. Es gibt in dieser peinlich dokumentierten und wohl auch kontrollierten Welt so gut wie keine Ausreißer und nur drei uneheliche Kinder im – no na – Tagelöhnermilieu.
Namen über Namen
Es wäre zu schön, wenn es nur einfach wäre. Als ich beginne, meine Listen und Überblicke zusammenzustellen, fühle ich mich fast erschlagen vom überbordenden Hang dieser Familien (es gilt auch für die eingeheirateten), Vornamen an Vornamen zu reihen. Urvater Johannes ist noch kurz und bündig, aber schon in der nächsten Generation beginnt das Spiel: Fast jedes Kind hat zwei Namen: Katharina Wilhelmina, Anna Elisabeth, Anna Katharina, Anna Barbara, Johann Barthold, Johann Michael, Anna Christina. Leonhard bleibt die rühmliche Ausnahme.
Ab der nächsten Generation (ca. 1800) wird es noch komplexer: Johann Christian Andreas, Charlotte Katharina Christiane, Wilhelm Theodor Moritz, Henriette Dorothea Wilhelmine, Karl August Ludwig, Adam Moritz Friedrich, Christian Friedrich Julius.
Und schließlich – wir nähern uns dem 20. Jahrhundert – klingt es beinahe wie ein Morsealphabet: Friedrich Wilhelm Christian Daniel, Dora Bertha Hermine Frieda, Wilhelm Christian Theodor Ludwig, Anna Fanny Elise Martha, Katharine Marie Pauline Christiane, Erwin Christian Friedrich Ernst… Selbst bei den Tagelöhnern: Berthold Heinrich Friedrich Karl… Wenn es nicht die akribischen Detailinformationen und Querverweise gäbe, wäre ich hoffnungslos verloren im Dschungel. Wie sollte ich ahnen, dass der Gastwirt und vormalige Brauerei-Besitzer (wie praktisch!) Wilhelm Kratz, der im März 1900 Dorothea Knoll heiratet, im Taufbuch unter Friedrich Wilhelm Christian Daniel Kratz zu finden ist? Denn es ist beileibe nicht immer der erste Name der Hauptname, oder auch nicht der letzte, sondern manchmal einer mitten in der Kette. Bei Dorothea hätte ich Glück, bei ihr ist es tatsächlich der erste. Mit vollem Namen heißt sie Dorothea Johanna Martha Luise Knoll. Oder der Kupferschmied Louis Kratz: Louis wird er gerufen und so landet er auch als Vater seiner Kinder im Taufbuch. Bei seiner eigenen Taufe steht er aber als Karl Friedrich Ludwig (1838) im Buch. Vielleicht erspart es den Eltern einfach nur die Qual der Wahl oder familieninterne Auseinandersetzungen: Wir geben unserem Kind möglichst viele Namen, einer wird sich schon durchsetzen.
Aber nicht immer ist das mit dem „Rufnamen“ so leicht. Es kann zu bösen Überraschungen führen, wenn das Kind ganz anders im Taufbuch steht, als es gerufen wird. Vor lauter Aufregung oder Verwirrung über die vielen Namen haben die Eltern von Wilhelmine Langefeld bei der Angabe der Namen bei der Taufe glatt diesen einen entscheidenden vergessen. Peinlich, wenn Wilhelmine bei ihrer Trauung draufkommt, dass sie als Katharina Emilie im Taufbuch steht. Da hilft nichts: Ins Taufbuch kommt ein Nachtrag (schwer lesbar, aber sinngemäß), dass vergessen wurde, den Rufnamen Wilhelmine anzugeben. Und im Trauungsbuch steht dann tatsächlich: Katharine Emilie genennent Wilhelmine Langefeld. Was liegt, das pickt. Sie wurde nicht auf den Namen Wilhelmine getauft, und nachtaufen kann man sie nicht mehr. Also doch sicherheitshalber mehr Namen als zu wenige angeben.
Ab ca. 1870 beginnt man dann doch, diesen Wildwuchs in geordnetere Bahnen zu lenken. Die Eltern müssen sich schon bei der Taufe auf einen Hauptnamen festlegen, und dieser wird dann in den Taufbüchern unterstrichen. Zumindest bei den Buben wird das zur Regel, bei den Mädchen eher selten. Die sollen sich selbst einmal für ihren Lieblingsnamen entscheiden.
Diese Doppel- und Vielfachnamen haben auch einen Vorteil: Man kann gleich zwei Kindern den gleichen Namen geben. Dann steht der erste Sohn als Friedrich Karl (1881-1905), und der nächste als Friedrich Karl (1883) im Taufbuch. Ich stelle mir das in der Schule lustig vor: „Ich bin der Friedrich Karl“ – „Und ich bin der Friedrich Karl.“
Da wir schon bei den Namen sind: Der Familienname Kratz lässt nicht viele Varianten zu, nur selten findet man „Kraz“ statt „Kratz“. Dann taucht aber plötzlich in den Taufbüchern auch der Name „Knatz“ auf, und ich bin froh, dass die Schrift so deutlich ist, dass eine Verwechslung ausgeschlossen ist. Und einmal kommt es wirklich zu einer Hochzeit Kratz – Knatz: Ein Christian Knatz heiratet im Jahr 1894 Anna Christine Elise Kratz. Und noch amüsanter ist im Jahr 1866 die Hochzeit von Karl Wilhelm Ludwig Kratz mit Anna Natalie Kaz: Kratz – Kaz. Und eine Kratz – Kratz-Vermählung gibt es auch: 1868 heiratet Wilhelm Theodor Moritz Kratz seine Cousine Georgine Dorothea Charlotte Kratz. Die Väter sind Halbbrüder, haben also zwei verschiedene Mütter. Es gibt keinerlei Dispensvermerke, wie sie in so einem Fall bei uns sicher nötig wären.
Der Lohgerber Philipp Kratz
In dieser quirligen städtischen Melange wird im Jahr 1844 Hermann Philipp (wobei sich der Philipp durchsetzen wird) Kratz geboren als Sohn des Kaufmanns Karl Heinrich (von ihm bleibt der Karl übrig) (1808-1869). Sein Großvater war der Hansebruder und Krämer Johann Barthold (1766-1827), sein um fünf Jahre älterer Bruder Karl Wilhelm Ludwig wird ebenfalls Kaufmann. Aber es kann ja nicht jeder in der Familie Kaufmann werden, es muss ja auch jemand etwas produzieren, das sich verkaufen lässt. Wie praktisch, dass die Mutter Elisabeth Christine Anna Kramer die Tochter eines Gerbers ist. Und so kommt Philipp wohl zur Gerberei und schließlich nach Gnas.
Aber das ist lange her, denn nun ist er ja ein Hans im Glück und Villenbesitzer in Gleichenberg und mit der reichen, um fünf Jahre jüngeren Bäckerstochter Anna Mayr verheiratet. Mit dem Namen Mayr ist es nicht so einfach, und so finden wir in den Kirchenbüchern gleich alle vier Varianten: Mayer, Mayr, Meier und Maier – am häufigsten diese letzte Form. Beim Sterbeeintrag von Annas Vater Karl finden wir dann die offizielle Version: Der Villenbesitzer, Bäckermeister und Witwer Karl Mayer stirbt im Alter von 73 Jahren im Karolinenhof an den Folgen einer chronischen Rückenmarksentzündung. Bei seinem Namen wird dann allerdings die Korrektur angebracht: „recte [richtigerweise] Mayr“.
Karl Mayr ist eine lokale Größe in Gleichenberg. Aus Edelsbach bei Feldbach stammend, hatte er zunächst ein Gasthaus und eine Bäckerei in Trautmannsdorf, verkauft dann Teile seines Besitzes und baut in Gleichenberg den Karolinenhof und für seine Tochter und den Schwiegersohn 1875 den Annahof. Daneben gehören seine Bäckerei (später Cafe Columbia), das Haus Karlsruhe (auch Villa Rieger genannt), das Hotel Würzburg, die Mayerschen Stallungen mit Fiakerei, sowie Wiesen, Wälder, Obst- und Weingärten zum Großbesitz von Karl Mayr. Der größte Teil des Besitzes wird später von den Erben verwirtschaftet.
Karl Mayr unterstützt seine Tochter Anna bei der Erziehung der Kinder, ermöglicht den Mädchen eine Bildung bei den Ursulinen in Saalfelden (Salzburg). Sein Enkelsohn Karl (1876) macht bei ihm die Bäckerlehre. Sein Vertrauen in den Schwiegersohn Philipp Kratz scheint allerdings nicht sehr groß zu sein, wahrscheinlich wegen dessen Spielleidenschaft, denn er lässt den Annahof gleich auf seine fünf Enkelkinder überschreiben.
Annas Tochter Auguste Kratz (1881-1972) kauft später mit ihrem Mann Michael Josef Glückstein, den sie im Jahr 1901 heiratet, den Geschwistern die Anteile ab und führt den Annahof als Gästebetrieb und Heimathaus ihrer Familie weiter. Ihre Tochter Irene Gückstein heiratet im Jahr 1926 den Arzt August Waltersdorfer aus Neuhaus am Klausenbach. Somit schließt sich der Bogen zur Geschichte der Familie Waltersdorfer.
Zurück zu Philipp Kratz: Ewig hält es ihn mit seiner Familie nicht in Gleichenberg. Man kann ja immer noch weiter in den Süden expandieren, und so wird ein Hof, der „Birkhof“ im damals noch zur Untersteiermark gehörigen Kötelach-Gutenstein angekauft. Heute liegt der Ort in Slowenien und heißt Ravne na Koroškem. Es sind wohl schon Übersiedelungsaktionen im Gang, als Philipps Frau Anna Ende Mai 1884 auf der Zugstrecke in der Nähe von Spielfeld einen Blutsturz erleidet und stirbt.
Eine große Hilfe ist ihm in dieser Zeit die Nachbarstochter Josefa Samt, die als Kinderfräulein die Sorge für die Kinder übernimmt, selbst aber erst 16 ½ Jahre alt ist. Ihr Vater ist der pensionierte Militär- und Kurkapellmeister Josef Samt. Drei Wochen nach ihrem 18. Geburtstag heiratet Philipp Josefa im Oktober 1885. (Onkel Joe nennt sie interessanterweise Maria Samt. Täuscht ihn seine Erinnerung, oder wurde sie auch anders gerufen als getauft?)
Zwei Mädchen aus dieser für Philipp bereits dritten Ehe, Josefine Philippine („Fini“, 1886) und Wilhelmine Johann („Mina“, 1887) kommen noch in Bad Gleichenberg zur Welt, weitere sechs Kinder dann bereits auf dem Birkhof in Gutenstein, wo sie auch aufwachsen: Aurelia („Reli“, 1893), Henriette („Jetti“, 1894-1995), Erich (1896-1899), Friedrich („Fritz“, 1897), Maria Josefine („Mitzi“, 1899) und ein totgeborener Nachzügler (1905). Nur Sohn Max (ca. 1892-1983), der in der Übergangszeit zwischen Bad Gleichenberg und Gutenstein geboren wurde, lässt sich weder da noch dort in den Kirchenbüchern finden.
Der erste Weltkrieg greift tief in das Leben ein, Gutenstein und der Birkhof gehören nun zu Jugoslawien. Das Leben verschlägt die Nachkommen in alle Richtungen: in die Steiermark, nach Kärnten, Tirol, Deutschland, aber auch in die USA. Es ist faszinierend (wenn auch verwirrend), Joe Glücksteins Lebenserinnerungen zu lesen, die er im Alter von mehr als 90 Jahren aus dem Kopf seiner Großnichte Reingard diktiert.
Und noch ein kleines Geheimnis offenbart dieser Bericht: Philipp Kratz hatte auch eine außereheliche Tochter, genannt Muz. Sie lebte verheiratet in Bonn, wo sie kinderlos starb.
Über das Ende von Philipp Kratz erzählt Onkel Joe nichts, nur dass er im Jahr 1917 von Jänner bis März wieder im Annahof in Gleichenberg gelebt hat. Es war das einzige Mal, dass Joe – selbst damals neun Jahre alt – ihn kennengelernt hat.